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Weddigen

Villa Sekoi Berlin-Lichterfelde 2017-20
Wohnfläche 460 qm

70 qm Nutzfläche

NBK 1,0 Mio €

# GRÜNDERZEIT ZU WOHNLOFT
# TRANSFORMATION
# KERNSANIERUNG 
# TERRASSE ALS BÜHNE

# BAUSTOFFRECYCLING
# AUSBAU, ERTÜCHTIGUNG, WIEDEREINBAU

# RETTUNG VON BAUMATERIAL
# MEHRFAMILIENHAUS
# ENERGETISCHE SANIERUNG
# GEBUNDENE ENERGIE RETTEN
# GEBÄUDEKLASSE 4
# STAHLWANGENTREPPE
# FARBKONZEPT

 
 

Die Liegenschaft liegt im Berliner Stadtteil Lichterfelde in einem Wohngebiet mit Villen mit Baujahr um 1910. Das Konzept kombiniert den Erhalt des äußeren Erscheinungsbildes in seiner Gruppe der teils denkmalgeschützten Landhausvillen mit einem deutlichem Verweis auf die aktuelle weltläufige Bewohnerschaft: Analog zur Gründerzeit werden die gezielten Eingriffe mit Augenmerk auf Licht und Bezug zum Garten klar ablesbar und selbstbewußt sichtbar gemacht.

Das Gebäude hatte im Laufe der Zeit vielfache unsachgemäße Umbauten und Überformungen erfahren und zeigte sich daher hochporös und wenig robust für eine Sanierung, somit war es also schwierig und nur mit großer Sorgfalt zu handhaben. Grundständige Überarbeitung bedeutet hier partiell Rückbau, Entwirrung und Abriß, aber auch Erhalt der wertvollen Bausubstanz, Nachertüchtigung in konstruktiver, statischer und energetischer Hinsicht sowie erheblich auch Brandschutzanforderungen der Gebäudeklasse 4, u.a. aufgrund der gründerzeitlichen Bauweise mit Holzbalkendecken mit größter Sorgfalt zu planen und auszuführen.


Es entsteht eine Kombination aus überarbeiteten Bestandselementen und modernen Stahlelementen: Der Erhalt des Gebäudes in Kubatur, Geschossigkeit und Dachform wird ergänzt durch eine modernisierte Grundrissorganisation und bessere Nutzung der vorhandenen Flächen. Insbesondere die Aufwertung von Souterrain und Dachgeschoss zu hochwertigem Wohnen – nach dem Ausbau stehen hier gut 500 qm Wohnfläche zur Verfügung – finden durch eine Kombination vieler Maßnahmen statt, immer in Abwägung zwischen Bestandserhalt/Umorganisation und Ergänzung/Neubau, manifestiert bspw. durch den Einsatz bodentiefer Fenster und frz. Balkone in puristischem glatten Stahlblech. Das Gebäude erfährt insgesamt nach der Komplettentkernung eine radikale Modernisierung – für die auch der eine oder andere Stuck weichen muss. Grundrissveränderungen, neue Bäder, komplett neue Bodenaufbauten inkl. Fußbodenheizung und geeignetem Parkett, Erneuerung der kompletten Haustechnik und Einbau hochwertiger Elektro- und Sanitärausstattung. 


Das Haus erhält zum Garten großzügige Öffnungen anstatt kleinteiliger Fenster, der Rückbau der Fassade an den „richtigen“ bauzeitlichen Ort legt die Loggia im Dachgeschoss frei und schlägt das Erkerzimmer wieder der Wohnfläche zu. Das wird hier als Eingriff durch großformatige, Loft-artige Stahlfenster im Bereich der ehemaligen Loggien sichtbar – zurück zur historischen Gebäude-Außenform. Der Anschluß an den Garten geschieht durch Öffnung des EGs in diesem Bereich sowie eine Terrassenplattform in mehreren Ebenen. Dieses gartenseitige Terassenbauwerk ist eine Bühne zum Garten auf verschiedenen Plateaus – bespielbar, begehbar, bepflanzbar, unterscheidbar und ein Stauraum für Geräte und Fahrräder. Die Zusammenlegung der beiden eigengenutzten Ebenen erfolgt durch eine Stahltreppe in Sonderanfertigung mit geschlossenen Stahlwänden, als Besonderheit mit erheblichem Abstand zur Wand gleich einer freistehenden Skulptur im Kernbereich der Wohnräume in kanariengelb.


Nachhaltigkeit/Energiekonzept/Material:

Der wesentliche Beitrag ist das nachhaltige Nutzen vorhandener gebundener Energie: Die historische Bausubstanz nicht abzureißen, wie dies alle Mitbewerber um die Liegenschaft beabsichtigt hatten, rettet die gebundene Energie und transformiert diese vom 19. ins 21. Jahrhundert – und damit in die nächsten 100 Nutzungsjahre. 


Die Gebäudesubstanz wurde ertüchtigt und alle Baumaßnahmen sind so angelegt, daß eine bestmögliche Nachnutzung/Umwandlung vorhandener Gebäudesubstanz unter Einhaltung der geltenden EnEV gewährleistet ist. Erhebliche Eingriffe stellten Ausbau und Neukonzeption der Bodenbeläge von Beletage und OG mit Fußbodenheizung, modernem Bodenaufbau (TSD/WD) sowie der Tausch nahezu aller Fenster mit entsprechend hohen k-Werten und die Ertüchtigung der vorhandenen historischen Fenster dar.


Durch Türentausch und -neusortierung konnte die Baumaßnahme mit erheblichem Tischleraufwand, aber Verwendung nahezu aller vorhandenen Bausubstanz erfolgen. Bei jeglicher Umbaumaßnahme wird auf Nachhaltigkeit und Materialerhalt Wert gelegt: So bspw. beim Ausbau der Bestandsdielen, umsortieren von Türen und deren Ergänzung durch Beschläge, etc. Das bedeutet viel kleinteilige Sortier-(Sisyphos-)Arbeit, die allerdings in der Summe einen Unterschied macht.

Dazu ist sorgfältiges Baustellen-Management vonnöten – das aufmerksame Sortieren von containerweise Material, Holzwiederverwendung, Schalttafeln im roulierenden System, Wiederverwenden von Abdeckungen usw. Die Garage wird ersatzlos abgerissen, hier entsteht ein Freibereich mit Kiesbelag/wassergeb. Decke (Boule), der Garten befindet sich in Arbeit.

Allein im Jahr 2019 wurden in Deutschland 15.157 Wohn- und Nichtwohngebäude abgerissen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Angesichts von Klimawandel, immer größerem Flächenverbrauch und knapper werdenden Ressourcen setzen wir uns für das Bauen im Bestand ein. Energieverbrauch und CO2-Emissionen eines Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus anzuschauen offenbart, daß  Energie und CO2 schon lange vor der eigentlichen Nutzungsphase anfallen: Baumaterialien und Technik müssen hergestellt und transportiert werden, das Gebäude muss errichtet und womöglich irgendwann abgerissen, Bauschutt entsorgt werden.


Diese sog.graue Energie und die damit verbundenen CO2-Emissionen, der sog. CO2-Fußabdruck, spielen in staatlichen Förderprogrammen der KfW für energieeffiziente Gebäude oder im gerade erst in Kraft getretenen Gebäudeenergiegesetz keine Rolle, diese fokussieren allein auf die Nutzungsphase. Dabei entfallen beispielsweise bei Null- und Plusenergiehäusern bis zu 40 Prozent des Energieaufwands allein auf die Konstruktion, wie Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA) zeigen. Eine ganzheitliche Bilanzierung von Gebäuden inklusive der grauen Energie einzuführen wird entsprechend angeraten.

 

Den kulturellen (Identitätsbildung) und ökologischen Wert des Gebäudebestands dabei weiterzudenken, ist mit Blick auf die Klimakrise eine sinnvolle Architektenaufgabe. Um der Aufgabe, den Gebäudebestand bis 2050 Klimaneutral zu gestalten, näher zu kommen, braucht es grade auch die „normalen“ Projekte im Wohnbaubestand, wo in der Regel aus praktischen Gründen Abriß statt Sanierung erfolgt mit der Begründung Zeit und Kosten seien besser in Griff zu bekommen, dabei liegt genau im intelligenten, zukunftsfähigen Umgang mit dem Bestand die zentrale Herausforderung in der Branche, ein Paradigmenwechsel ist angeraten.

 

Hannelore Kaup Architekten

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